Mein FussiFreunde

11.02.2017

„The Dark Night Rises“ – Extended Version in 119 Minuten…

Osdorf erhält ungewollte Motivationshilfe vom Nachbarn

Überschwänglicher Jubel bei sämtlichen Spielern des TuS Osdorf - nachdem Youngster Henrik Schmidt das entscheidende 2:0 erzielt hat. Foto: Heiden

Als Berkan Algan seine Mannen unmittelbar nach Schlusspfiff zusammenholte, trottete Torwart Tobias Grubba im Schritttempo in Richtung Mannschaftskreis und kickte vor lauter Wut noch vor dem Eintreffen eine am Boden liegende Trinkflasche weg. Die Mienen bei seinen Mitspielern waren nicht viel freudiger. Der Grund: Gerade hatte Altona 93 das Derby beim TuS Osdorf nach sage und schreibe 119 Minuten – ja, es handelte sich tatsächlich um ein Liga- und nicht um ein Pokalspiel – mit 0:2 verloren und kassierte einen herben Rückschlag im Titelrennen der Oberliga!

Um es gleich vorweg zu nehmen: Dieses Nachbarschaftsduell hatte es wirklich in sich! Von schweren Hiobsbotschaften über faustdicke Überraschungen, offene Kampfansagen, strittige Entscheidungen, einen Zuschauerrekord bis hin zur ominösen 49. Minute, als plötzlich und nicht zum ersten Mal in dieser Saison das Flutlicht am Blomkamp seinen Geist aufgab. Auf einmal wurde es stockduster und Schiedsrichter Murat Yilmaz (FC Türkiye), der in dieser Situation kühlen Kopf bewies, schickte beide Mannschaften bei Minusgraden erst einmal in die Kabinen. Auch nach einigen Minuten, die ins Land gingen, war noch keine Besserung in Sicht. Doch urplötzlich erblickte ein Strahler nach dem anderen wieder die Blüte des Lebens, so dass Yilmaz nach 26-minütiger Unterbrechung wieder anpfiff. „Natürlich habe ich da ein bisschen Angst gekriegt und hatte ein paar Bauchschmerzen, dass das Spiel eventuell neu angesetzt wird“, gestand Osdorf-Coach Piet Wiehle hinterher – schließlich führte sein Team zu jenem Zeitpunkt mit 1:0. Aber der Reihe nach.

Abseits und Foul? Bonewald ist's egal!

Das Flutlicht streikte (mal wieder) am Blomkamp, kam dann aber wieder in Fahrt. Foto: Heiden

In der Anfangsphase kamen beide Teams zu jeweils zwei guten Abschlüssen: Sascha Blume (7.) und Jeremy Wachter (19.) verfehlten das Ziel für den TuS nur haarscharf. Während Dennis Thiessen mit seinem Distanzschuss an Patrick Hartmann scheiterte (11.), ehe der bärenstarke Felix Spranger einen Aniteye-Schuss in Anschluss an einen Brisevac-Eckball von der Linie kratzte (12.). In der Folge musste AFC-Keeper Grubba nach Sprangers glänzendem Pass im Eins-gegen-Eins gegen Wachter retten (23.) und hatte kurz darauf Glück, als er nach einem Rückpass viel zu lange zögerte und den heraneilenden Melvin Bonewald anschoss – doch der Ball senkte sich nicht ins AFC-Gehäuse (31.). Wenig später war es dafür aber soweit: Weder T. Krause noch Wachter konnten entscheidend vom Ball getrennt werden. Spranger schaltete mit einem langen Ball blitzschnell, S Blume startete durch, hob die Kugel mit ungeahnten technischen Fähigkeiten gleich zweimal über Gegenspieler Yilmaz und fand in der Mitte den freistehenden Bonewald, der keine Mühe mehr hatte und zur Osdorfer Führung einköpfte (35.)!

Algan „tief traurig" über Baldé- und Waldschmidt-Verletzung

Während die eine Seite jubelte, war die andere außer sich. „Für mich war das die spielentscheidende Szene“, befand Algan und führte erklärend aus: „Erst steht der Spieler klar im Abseits, dann wird ein Foulspiel gegen Yilmaz nicht geahndet.“ Aus der Ferne schwer zu beurteilen. Wiehle reagierte darauf trocken: „Ich will dazu gar nichts sagen. Wenn du ein Spiel verlierst, ist eigentlich immer irgendwas. Daran habe ich mich mittlerweile schon gewöhnt. Freistoß oder Abseits ist dann, wenn der Schiedsrichter pfeift. Das war nicht der Fall. Dementsprechend war es ein Tor.“ Als es nach der Spielunterbrechung, in der sich 93 sehr fair verhielt und trotz Rückstand ganz und gar nicht auf einen Abbruch schielte, weiterging, hatte der Tabellenzweite seine beste Phase. Zehn starke Minuten, in denen der Gegner laufen gelassen wurde und die einfachen Mittel ausgepackt wurden. Was allerdings fehlte: Der Zug zum Tor. Ganz im Gegenteil zu den Hausherren, die sich vermehrt aufs Kontern verlegten und immer wieder brandgefährlich vor dem Kasten von Grubba auftauchten. Wachter probierte es gleich zweimal aus größerer Entfernung, zielte erst einen kleinen Tick zu hoch (90. +3) und musste sich dann Grubbas Faustabwehr beugen (90. +10).

„Altona ist gar nichts eingefallen!"

Chris Pfeifer (li.) wird von Dennis Schmidt bearbeitet. Foto: Heiden

Die ganz große Chance auf die Vorentscheidung hatte dann der gerade eingewechselte Gianluca d’Agata auf dem Fuß, der nach Wachters starker Vorarbeit – dieser ließ zuvor Yilmaz ganz schlecht aussehen – völlig freistehend in Grubba seinen Meister fand (90. +6). Doch in der 112. Spielminute machte der „Underdog“ endgültig den Deckel drauf – und offenbarte in jener Szene die eklatanten Abwehrschwächen beim Favoriten: Ein langer Abschlag von Hartmann titschte gleich zweimal auf. Die AFC-„Defender“ schauten nur zu, während Wachter Tempo aufnahm, bis zur Grundlinie durchmarschierte und mit seiner scharfen Hereingabe am zweiten Pfosten den mitgelaufenen Henrik Schmidt, für Wiehle „die Überraschung“ der Vorbereitung, sah – 2:0 (90. +12)!

Piet Wiehle freute sich über „einen völlig verdienten Sieg“ und konstatierte: „Ich glaube, dass Altona nach fünf Minuten einen Schuss hatte, in der restlichen Spielzeit gar nichts mehr. Wir waren dagegen sehr griffig und diszipliniert in den Zweikämpfen, hatten selbst drei, vier gute Aktionen und haben zur Pause verdient geführt. In der Zweiten Halbzeit haben wir nach dem Flutlichtausfall eigentlich genau da weiter gemacht, wo wir aufgehört haben. Altona ist gar nichts eingefallen! Ich finde sogar, in der zweiten noch weniger als in der ersten Halbzeit.“ Sein Gegenüber gab zu Protokoll: „Wir wollten eigentlich, hatten phasenweise auch in der zweiten Halbzeit gute Argumente.“ Allerdings waren diese Argumente viel zu dürftig, um den Platz tatsächlich als Sieger zu verlassen. Vielmehr als die Niederlage, bedrückte Algan anschließend jedoch eine ganz andere Tatsache: „Wir haben unter der Woche zwei schlimme Nachrichten erhalten, die die Mannschaft getroffen und aus der Ruhe gebracht haben. Braima Baldé hat sich das Kreuzband gerissen und Sven Waldschmidt hat einen Bandscheibenvorfall erlitten. Wenn man dann hierherkommt, passiert eben viel außer Fußball. Dann verliert man so ein Spiel. Die Hiobsbotschaften waren ein bisschen zu frisch, dann kam die Geschichte mit dem Licht dazu. Das sollen keine Ausreden sein, aber all das ist keine optimale Situation für eine Mannschaft. Schlimme Vorwürfe kann ich den Jungs nicht machen.“

„Wenn der Gegner meint, er haut uns im Schongang weg, braucht er sich nicht wundern"

Gianluca d'Agata (Mi.) vergibt die Riesenchance auf das 2:0. Foto: Heiden

Ein Rückschlag für den AFC im Titelkampf ist diese Niederlage in jedem Fall – doch Algan meint: „Die Verletzungen von Waldschmidt und Baldé sind richtige Rückschläge. Es waren viele Faktoren, die schon in der Vorbereitung nicht wirklich glücklich gelaufen sind. Wir werden dran arbeiten und versuchen, weniger Punkte liegen zu lassen als geplant – und wir haben nicht geplant, so viele liegen zu lassen. Für uns war das ein sehr unglückliches Spiel, das zu früh kam.“ Zu dem Flutlichtausfall hatte der AFC-Übungsleiter eine klare Meinung: „Das war eine Katastrophe! Für einen Fußballspieler ist so etwas total unangenehm. Es sind so viele Faktoren gewesen, die gegen uns waren. Schon die ganze Woche über mit den vielen Hiobsbotschaften. Eine Mannschaft lebt, aber wenn der Geist ein bisschen Fieber hat, dann wird es schwer.“

Sein Pendant griff vor der Partie einmal mehr in die Motivationskiste – und das scheinbar mit großer Hilfe des Gegners: „Was ich im Vorwege mitbekommen und auch dankbar als Vorlage aufgenommen habe: Wenn eine Spitzen-Mannschaft – und das haben weder Dassendorf noch Concordia getan – hierherkommt und meint, wir schießen mal eben im Schongang Osdorf mit 3:0 aus dem eigenen Stadion, dann muss sich diese hinterher nicht beschweren oder wundern, wenn sie mit einer Niederlage nach Hause geht!“ Und weiter: „Solch eine Arroganz finde ich dem Gegner gegenüber schon ein Stück weit respektlos. Dementsprechend freue ich mich natürlich noch ein bisschen mehr. Denn ich bin eigentlich ein Typ, der versucht, gewisse Werte einzuhalten. Dazu gehört für mich an oberster Stelle, Respekt vor dem Gegner zu haben.“ Scheint so, als wären im Vorfeld gewisse Worte gefallen, die beim Aufsteiger nicht sonderlich gut ankamen. Abschließend sei bei aller Rivalität aber noch erwähnt: Mit 780 Besuchern stellte der TuS Osdorf einen neuen Zuschauerrekord bei einem Punktspiel auf. „Das ist natürlich der Hammer, einfach sensationell“, freute sich auch Wiehle über den Zuspruch trotz der klirrenden Kälte. Im Endeffekt also ein rundum gelungener Abend für den Außenseiter, der dem nächsten Titelanwärter ein Bein stellte – und das völlig verdient. Trotz aller Rückschläge und Hiobsbotschaften (Wiehle: „Es ist ja nicht so, dass wir die nicht hätten. Aber wir haben und werden uns darüber nie beschweren.“) muss man einfach festhalten, dass die Darbietung des AFC für einen Meisterschafts-Aspiranten zu wenig war – und das sowohl in der Offensive, wo jegliche Durchschlagskraft fehlte, als auch in der Defensive, wo man immer wieder ins Schwimmen geriet. Die Konkurrenz wird's sicherlich freuen...

Der komplette LIVE-Ticker zum Derby!

Kommentieren

Vermarktung: